Donnerstag, 24. Juni 2010

Little Vietnam

von Uwe Schmitt

Rund 4000 asiatische Fischer leben an der ölverseuchten US-Küste wie ein Indianerstamm

Nach Tausenden Zeitungsseiten und Fernsehstunden, die Amerikas Medien dem Öldesaster im Golf von Mexiko widmeten, bleibt eine Geschichte unerzählt: die Story der rund 4000 vietnamesischen Fischer, die an der Küste Louisianas für sich leben wie ein Indianerstamm. Nicht Recherche-Faulheit noch versteckter Rassismus halten die US-Reporter von Little Vietnam fern. Es sind die Fischer selbst, die nicht reden wollen oder (kein Englisch) können. Es mag die verstörende Erfahrung sein, wie schlecht weiße Fischer, Shrimper, Crabber über die Vietnamesen reden.

Wie arm sie auch waren, als die Flüchtlinge in den 70er-Jahren nach Amerika kamen: Einige haben sich unter Entbehrungen, mit Familienzusammenhalt und Geschäftssinn ein eigenes "Dock" erarbeitet. Sie wurden Großhändler, die im Hafen die Fänge kaufen und die Preise festsetzen. Sie werden beneidet und verflucht, weil sie knausrig zahlen, und noch wilder verflucht, weil sie ohne Alternative sind. Vor allem wagt die Mehrheit der vietnamesischen Fischer etwas Ungeheuerliches: Sie verweigert arglos oder bewusst die Assimilierung, das Amerikanische am amerikanischen Traum. Sie wollen mit harter Arbeit Geld verdienen, wie damals in ihrer Heimat, und sie wollen unter ihresgleichen bleiben. Sie sind gute Fischer und Händler, unbeholfene, unwillige Amerikaner.

So scheint es, wenige wissen es genau. Weil sie niemand fragt und jene, die fragen, keine Antwort erhalten. Die Ölpest, ihr Chaos und die Arbeitslosigkeit, die nicht, wie nach einem Hurrikan, für die Glücklichen nach einigen Tagen endet, hat die Stärke ihrer Autonomie in eine existenzbedrohende Schwäche verkehrt. Die meisten Vietnamesen verstehen weder BPs Unverschämtheiten noch die Rekrutierungsangebote. Sie können die Antragsformulare für Schadenersatz so wenig lesen, wie sie telefonische Beratung verstehen würden. Man kann ihnen alles und nichts erzählen. Die Ölpest wirft die Vietnamesen zurück ans Land, "Boat people" auf dem Trockenen. Das Mitleid ihrer weißen Mitleidenden hält sich in Grenzen. Einmal hörten wir in Venice einen Shrimper über dem vierten Bier murmeln, was die Vietnamesen angehe, sorge BP für eine höhere Gerechtigkeit. Da wäre die Story. Es wäre fast eine zu gute Story. Deshalb hat sie noch niemand geschrieben.

Der Autor ist USA-Korrespondent der WELT-Gruppe

Nguồn: http://www.welt.de/die-welt/politik/article8161591/Little-Vietnam.html